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Interview mit Herrn Daniel Rauser, neuer Abteilungsleiter der Naturwissenschaften am OHG 

Das Interview führte Amelie Ernst aus der J1. 

Amelie Ernst: Was sind ihre Aufgaben als Abteilungsleiter der Naturwissenschaften?

D. Rauser: Der Aufgabenbereich umfasst ganz viele Bereiche, nicht nur die Koordination der Naturwissenschaften, sondern auch die Koordination der Begabtenförderung und des Aufbaus eines Netzwerkes mit außerschulischen Partnern. Das heißt zum Beispiel auch, Raumkonzepte an die Zukunft anzupassen, die gerade massiv aufkommende Digitalisierung in sinnvolle Bahnen zu lenken und darüber hinaus auch das zu erhalten, was sich die letzten Jahre als gut und richtig etabliert hat. Auch der Umgang mit dem Profilfach IMP wird spannend - wie können sich die NwT und dieses Fach z. B. sinnvoll ergänzen.

Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte, und was liegt Ihnen am meisten am Herzen, bzw. was liegt Ihnen besonders am Herzen, was Sie den Schülern vermitteln möchten? Und was für Methoden verwenden Sie da gerne, um uns Schüler neugierig auf die Naturwissenschaften zu machen?

D. Rauser: Naja, mein großer Schwerpunkt ist und bleibt irgendwie, Schülerinnen und Schülern etwas beizubringen. Die Akzente dabei sind unterschiedlich: Ich glaube schon, dass wir noch stärker in die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler eindringen müssen und die ist nun mal digital. Außerdem glaube ich, dass wir neben der Grundlagenforschung in den Basisnaturwissenschaften die Erstellung von Produkten weiter stärken müssen. Das halte ich nach wie vor für einen der wichtigsten Punkte: Am Ende wollen sich ja alle selbstwirksam erleben und das gelingt am besten, wenn am Ende ein Produkt entsteht, das funktioniert und/oder einen anderen spürbaren Mehrwert und Anerkennung mit sich bringt.

Was sind ihre Ziele? Haben Sie durch diese Position andere Befugnisse, um Dinge am OHG zu bewegen? Können Sie dadurch besondere Projekte anstoßen?

D. Rauser: Ziele - ja, da ist schon eine Liste. Zum einen möchte ich natürlich die Basisnaturwissenschaften erhalten und stärken, zum anderen die Produktorientierung und die frühere Förderung von Begabungen im MINT-Bereich. Da könnte ich mir eine Art Forscherklasse analog zur Theater- und zur Rhythm’n'Brass-Klasse sehr gut vorstellen. Gleiches gilt auch für die andere Richtung: Das Fach NwT gehört in meinen Augen auch in der Kursstufe etabliert. Da hoffen wir, dass das Ministerium bald grünes Licht gibt. Ein ganz großes Thema sind natürlich dabei auch Raumkapazitäten - da haben wir erste Gespräche mit der Stadt und der Architektin geführt und sind erst einmal optimistisch, dass das in die richtigen Bahnen geht. Das sind dann vielleicht auch die Befugnisse, die man hat - wobei das natürlich nicht unbedingt mein Denken ist. Ich möchte da schon mit allen zusammenarbeiten und habe zwar bestimmte Vorstellungen, aber möglichst mit vielen zusammen.

Das Interview als Video: 

Wird es weitere Projekte geben, wie zum Beispiel den Bau der CO2-Ampeln, um für das OHG die Bedingungen in der Corona-Situation zu verbessern und die Sicherheit für alle zu erhöhen? 

D. Rauser: Die CO2-Ampeln bleiben in meinen Augen schon die praktikabelste Möglichkeit, selbst für Sicherheit zu sorgen. Luftreinigungsgeräte sind in meinen Augen nicht unbedingt zielführend und so berauschend finde ich da die bisherigen Studienergebnisse dann auch nicht. Der Sensor der CO2-Ampeln ist auch weitaus besser als der vieler käuflich zu erwerbender CO2-Ampeln, die oft nur ein CO2-Äquivalent messen. Die Ampeln sind aber noch an der ein oder anderen Stelle zu verbessern bzw. müssen natürlich gewartet werden. Zum Beispiel muss der Stand der Ampeln noch stabiler werden. Da haben wir jetzt mit Herrn Jehle geredet und er stellt uns jetzt Aufsteller her, sodass die Ampeln im Klassenzimmer langlebiger sind. Die Schülerinnen und Schüler melden uns ja auch zurück, wenn eine Ampel mal nicht funktioniert. Wir hätten natürlich auch Ampeln kaufen können: Die gekauften Ampeln funktionieren aber zum einen nicht besser und messen irgendwas - so günstig, wie manche verkauft werden, bekommt kein Mensch derzeit einen Sensor. Das suggeriert dann eine ganz falsche Sicherheit. Zum anderen glaube ich, dass die Schülerinnen und Schüler mit dem Erstellen der Ampeln die Pandemie weitaus besser begreifen, als wenn einfach Ampeln gekauft und aufgehängt werden. 

Gibt es Pläne, den Umweltschutz im Bereich NwT am OHG voranzutreiben, um zum Beispiel die CO2-Bilanz am OHG zu verbessern? Wenn ja, wie sehen die Pläne aus?

D. Rauser:  Ich finde ja, Umweltschutz geht alle an und nicht nur das Fach NwT. Deshalb bin ich auch heute noch von unserer Stadtradel-Aktion dieses Schuljahr begeistert und habe mich da auch fleißig beteiligt. Aber auch für den MINT-Bereich gibt es die ein oder andere Idee: Die CO2-Ampeln sind ja zum einen zum Schutz vor der Pandemie da. Das langfristige Projekt ist ja aber eigentlich das Thema „energieeffizientes Lüften“. (Es hat sich ja nicht erst in der Corona-Zeit der Spruch etabliert: „Woran erkennt man die Schule?“ „Einziges Gebäude in der Stadt, bei dem die Fenster immer offen sind.“)  Deshalb besitzt der Mikrocontroller der Ampeln ein Wifi-Modul, über das verschiedene Werte wie Temperatur, CO2, Luftfeuchtigkeit erfasst werden können und an einen Server gesendet werden. Da wurde von einem Schüler der Kursstufe auch schon ein Raspberry Pi als Server aufgesetzt. An den werden in den nächsten Wochen alle Ampeln angebunden und wir können so gezielt und energieeffizient lüften. Oder - und das wird in meinen Augen ein großes Thema werden: grüner Strom. Das Ziel sollte ja sein, Verbraucher dann zu aktivieren, wenn wirklich grüner Strom verfügbar ist und nicht, wenn er besonders billig ist. Die Energie muss genutzt werden, die mit dem geringsten CO2-Ausstrom produziert wird. Dann würden wir eigentlich gerne den 3D-Drucker anschalten oder die Waschmaschine und so weiter. Und genau das können wir mit den Mikrocontrollern und dem Internet der Dinge regeln, sodass wir darüber einen Überblick erhalten und entsprechend steuern und regeln können. Das ist ja dann der wichtige Punkt: Wir möchten nicht vom Klimawandel reden, sondern vor allem was dagegen tun.

Wissen Sie von Projekten an anderen Schulen, die Sie so begeistern, dass Sie diese auch gern am OHG durchführen würden?

D. Rauser: Das klingt jetzt irgendwie blöd, aber soweit ich weiß, blicken gerade einige Schulen neidisch auf unser CO2-Ampel-Projekt, das es ja irgendwie auch auf die Hauptseite des Kultusministeriums geschafft hat. Ich schaue mir wirklich viele Schulen an - das, was mich an manchen Schulen schon interessiert hat, sind Makerspaces. Das ist eine Art moderner Forscher- und Bastlerort an der Schule, in dem Schülerinnen und Schüler weitgehend selbstständig arbeiten können. So etwas hätte ich schon auch gerne am OHG.

Unser ganzes Leben wird immer digitalisierter… Wie denken Sie, wirkt sich die Digitalisierung auf die Naturwissenschaften aus, und wie wird, ihrer Meinung nach, dann der Naturwissenschafts-Unterricht in 10 Jahren aussehen? Welches Potential sehen Sie darin und welche Risiken?

D. Rauser: Ich denke, jeder weiß mittlerweile, dass Europa das Internet der Menschen (Facebook, Apple, Google, Amazon usw.) verschlafen hat. Jetzt beginnt das Internet der Dinge sich breit zu machen. Viele unserer Geräte liefern Daten in eine große Cloud und wir haben das Phänomen BigData. Algorithmen werten diese Daten aus und bestimmen mehr und mehr unser Leben. Das Internet der Dinge wird die Naturwissenschaften und auch unser Leben noch einmal deutlich beeinflussen. Das Einspeisen der Daten der CO2-Ampeln auf einen schuleigenen Server hat ja schon seinen Grund: Wir könnten die Daten auch abgeben, aber genau das wollen wir ja nicht, sondern wir wollen die Daten behalten. Diese langfristige Erfassung bietet natürlich auch unglaubliche Möglichkeiten. Wir können TelegramBots erstellen, um z. B. unseren Hausmeister zu benachrichtigen oder, wie oben angedeutet, grünen Strom zu nutzen. Aber genauso wichtig wird die technikethische Frage und damit die Mündigkeit von allen. Nur zwei Beispiele: Mit einfachen Mikrocontrollern können WLAN-Netze aufgespannt werden. Da sitzt dann jemand einfach in der Bahn, täuscht ein kostenloses WLAN-Netz vor und wenn man sich da einwählt, erscheint eine Facebook-Anmeldeseite. Ganz einfaches Datenphishing - oder das Einwählen in das kostenfreie WLAN z. B. in Malls: Da wird dann die MAC-Adresse des Gerätes gespeichert und die Bewegungen in der Mall aufgezeichnet. Und die MAC-Adresse wird natürlich auch wiedererkannt, wenn man wiederkommt. Dann hat man plötzlich Bewegungsprofile erstellt. Das hört sich jetzt im ersten Moment gar nicht so wild an, aber diese Daten können natürlich auch für Werbung, für Beeinflussung genutzt werden. Das ist ja so die schwierige Frage: Informiere ich mich über das Internet oder informiert das Internet mich?

Gibt es abschließend noch etwas, das Ihnen besonders am Herzen liegt, das Sie uns Schülern noch mit auf den Weg geben möchten?

D. Rauser: Oh, das ist schwierig. Bei solchen Ratschlägen finde ich immer schwierig, dass sie so nach Pathos klingen und dann lächerlich wirken.  Wichtig ist mir irgendwie, dass Ökosysteme vielfältig bleiben. Damit meine ich nicht nur die Umwelt, sondern auch die Innenstädte, die Kultur und das digitale Ökosystem. Das kommt mir derzeit übrigens in allen Diskussionen viel zu kurz: Manche jubeln da Microsoft, Zoom usw. hoch und plötzlich sind wir alle von ein paar großen Playern im Netz abhängig. Die Entscheidung für Open Source hat ja auch diesen Hintergrund und hilft die Vielfalt im Netz zu erhalten. Deshalb hoffe ich, dass wir gemeinsam als vielfältige Schule diese Vielfalt auch sonst überall erhalten.