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 „Es fühlt sich komisch an, nur gegen einen Bildschirm zu sprechen“ - Homeschooling aus Sicht der Lehrer

Mit der Ankündigung des Kultusministeriums, ab dem 17. März aufgrund der Corona-Pandemie alle Schulen zu schließen, musste das Otto-Hahn-Gymnasium in Böblingen den Präsensunterricht durch Konzepte des Homeschoolings ersetzen. Nachdem in den ersten Wochen des Lockdowns ein Austausch zwischen Lehrkräften und Schülern nahezu ausschließlich via E-Mail möglich war, wurde in den Osterferien intensiv daran gearbeitet, alle Informationsstränge in der Plattform Moodle zu vereinen. Die Umstellung auf diese Online-Plattform bereitete dabei sowohl Lehrern als auch Schülern vor allem zu Beginn große Schwierigkeiten. Wie sinnvoll und zielführend Online-Unterricht in der Praxis tatsächlich ist, wird weiterhin von allen am Schulleben Beteiligten eifrig und kontrovers diskutiert. Am 4. Mai startete die erste Unterrichtsstunde auf der neuen Lernplattform und ermöglichte allen Lehrkräften und Lernenden von diesem Zeitpunkt an auf eine einheitliche Lernplattform zurückgreifen zu können. Doch auch nach den ersten vier Wochen sind die Meinungen und Standpunkte der Lehrkräfte hinsichtlich dieser Online-Plattform weit gefächert.

Während einige der Auffassung sind, ein Online-Unterricht sei ein ausreichender Ersatz zum Präsenzunterricht und sei die Lösung des Problems, entgegen andere, diese Alternative befriedige auf keinen Fall alle Bedürfnisse und genüge nicht den Ansprüchen der Schüler und Lehrer. Fest steht, dass alle Lernenden und Lehrkräfte dank der Plattform Moodle nun auf eine zuverlässig funktionierende einheitliche Plattform mit Leitplanken zurückgreifen können, die für alle Fächer gilt. Herr Rauer erkennt in dieser Plattform zudem einen Gewinn in der vereinfachten Kommunikation zwischen den Lehrkräften und den Schülern. Weiter führt er an, dass dank Moodle eine Rückmeldung der Lehrkräfte an die Lernenden einfacher erfolgen kann und auf dieser Plattform eine gesunde Mischung aus persönlicher Rückmeldung durch die Lehrkraft, interaktiver Module und Klassendiskussionen durch Videokonferenzen oder Chats gegeben werden können. Seines Erachtens könne dies keine andere Plattform. Auch Herr Barth erachtet Moodle als besonders hilfreich, da es im Vergleich zu ähnlichen Plattformen wie Discord, auf die zuvor zurückgriffen werden musste, vielfältigere Möglichkeiten bietet und abwechslungsreichere Lehrmethoden bereitstellt. Bei der Frage, warum gerade Moodle als einheitliche Lernplattform gewählt wurde, verweist Herr Rauser auf das Thema Datenschutz: „Einen unschätzbaren Vorteil der Plattform sehe ich doch darin, dass sie vom Land aktiv entwickelt und quelloffen betrieben wird und wir die volle Kontrolle über die Daten haben. Das ist bei anderen Anbietern derzeit nicht sichergestellt bzw. abschließend geklärt und ich möchte ehrlich gesagt nicht, dass möglicherweise Nutzerprofile von Schülerinnen und Schülern erstellt werden!“ Weitere Vorteile sehen einige Lehrer zudem darin, dass die Schüler die Möglichkeit haben, selbstorganisiert lernen zu können und trotz des Lockdowns weiter unterrichtet zu werden. Die Plattform Moodle sei zudem ein Gewinn, da sie vielseitige Möglichkeiten biete, den Schullalltag der Lernenden abwechslungsreich zu gestalten. Die Einrichtung von Aufgaben, die Erstellung interaktiver Tests und Tools, die Teilnehmerübersicht und Bewertungsrückmeldung, die Bereitstellung von Materialien, die Terminübersicht für die Schülerinnen und Schüler oder auch der BigBlueButton als Konferenztool seien bereits gut angelegt und eine Hilfe dafür, den Schülern ein möglichst vielseitiges Programm bieten zu können. Besonders der Unterricht in Fremdsprachen sollte durch das Konferenztool „Big Blue Button“ vereinfacht werden. Frau Ehrlich, die am OHG Englisch und Russisch unterrichtet, erachtet diese Funktion als hilfreich: „Kommunikation in der Fremdsprache ist essenziell. BigBlueButton ist meines Erachtens nach ein guter Schritt nach vorne, um dieser Kompetenzförderung nachzugehen.“ Frau Rathmann, Englisch- und Französischlehrerin am OHG, vertritt einen ähnlichen Standpunkt: „Der Videounterricht ist der direkteste Kontakt, der im Moment möglich ist. Als Lehrer bekommt man ein Gefühl dafür, wo die Schüler stehen und wer gut mitmacht, die Schüler erleben sich wieder gegenseitig in einer Unterrichtssituation. Insofern finde ich, dass der online-Unterricht eine gute Ergänzung zu Moodle ist, vor allem für die Fremdsprachen.“ Besonders begeistert sind viele Lehrer von der Möglichkeit, während einer Online-Konferenz sogenannte „Breakout-Rooms“ erstellen zu können. Hier wird die Klasse in Kleingruppen eingeteilt, die ein untergeordnetes virtuelles Klassenzimmer betreten und gemeinsam mit einigen Klassenkameraden die zugeteilten Arbeitsaufträge bearbeiten. Besonders Frau Ehrlich ist begeistert von diesem Tool: „Man ist sehr eingeschränkt, was die Interaktion mit den Schülern und Schülerinnen betrifft. Daher bin ich begeistert, dass es die Breakout-Rooms gibt und so zumindest „ansatzweise“ die Gruppenarbeit verwirklicht und ein Gefühl von Verantwortung für das Ergebnis der Gruppe bei den Schülern und Schülerinnen hervorgerufen werden kann.“ Frau Rathmann merkt zudem an, dass die Nutzung dieser Funktion besonders im Fremdsprachenunterricht hilfreich sei, da die Schüler hier die Möglichkeit hätten, in der entsprechenden Fremdsprache zu reden. Schließlich bedeute „Sprache“ in erster Linie sprechen.

Nichtsdestotrotz erkennen viele Lehrer im Homeschooling, im Online-Unterricht und der Plattform Moodle weiterhin viel Verbesserungspotential. So könne die Chatfunktion weiter verbessert, die App für das Mobiltelefon kompatibler gestaltet und der Datenaustausch sowie die Installation des Dateikonverters vereinfacht werden. An dieser Stelle betonte Herr Rauser jedoch, dass solche Pro- und Contra Listen auch für alle anderen Plattformen erstellt werden könnten. Herr Barth bestätigte diesen Standpunkt und bekräftigte, dass es für „das schlichte Unterrichten“ gleichgültig sei, welche Plattform genutzt werde. Bevor Moodle als einheitliche Lernplattform am OHG verwendet wurde, unterrichtete Herr Barth via Discord die J2 in Deutsch, um diese auf das bevorstehende Abitur vorzubereiten. Einen signifikanten Unterschied erkenne er im „schlichten Unterrichten“ nicht. Kritisiert wird am Online-Unterricht von Seiten der Lehrkräfte zudem, dass nur sehr wenige Schüler davon profitieren. Diese seien diejenigen, „die auch im Präsensunterricht mit keiner Methode Schwierigkeiten haben“ und diejenigen, „die eine dauernde stabile Internetverbindung mit leistungsfähigem Endgerät haben“. Ständig abbrechende Internetverbindungen, parallel laufende Klassenchats, technische Schwierigkeiten im Umgang mit der Plattform oder Nebenbeschäftigungen der Lernenden sind weitere Kritikpunkte am Online-Unterricht, die so schnell wohl nicht gelöst werden könnten.

Darüber hinaus wird vor allem von Seiten der Eltern und Schülern die Frage gestellt, was mit dem ausgefallenen Unterrichtsstoff passiert und wie die in der Zeit des Homeschoolings entstanden Lücken wieder gefüllt werden sollen. Frau Rathmann ist jedoch wenig besorgt: „Wir alle haben unser Möglichstes getan, aber wir werden im nächsten Schuljahr sicher Lücken schließen müssen. Die Lehrer werden sich nun zusammensetzen und gemeinsam ausarbeiten, was im nächsten Schuljahr nachgeholt wird und was man vielleicht weglassen kann.“ Herr Della erachtet die aktuellen Situation zudem in gewisser Weise als gewinnbringend: „Es ist klar, dass durch diese Phase manches auf der Strecke geblieben ist, das Schulleben lässt sich nicht mal so eben ersetzen. Wir alle haben in dieser Zeit aber auch viel anderes gelernt und die Zeit doch auch sinnvoll genutzt. Wahrscheinlich haben wir in dieser Zeit weit mehr Fähigkeiten gewonnen, eigenständig zu arbeiten, mit Herausforderungen umzugehen und Probleme zu lösen, als wir durch die fehlenden Inhalte verloren haben.“ Weiter gibt er an, dass auf diese ausgebauten Stärken in den kommenden Jahren aufgebaut werden könne. Treffend fasst er zudem zusammen, dass zehn bis zwölf Jahre Schule am Ende schließlich nicht von drei Monaten Homeschooling abhängen.

Generell vermissen jedoch alle Lehrkräfte in erster Linie das gefüllte Schulhaus und den persönlichen Kontakt zu den Schülern. Frau Ehrlich fehlt es zudem, die Schüler persönlich zu sehen, Handmeldungen zu erblicken und sich persönlich mit den Schülern auszutauschen. Man sei schließlich weiterhin sehr eingeschränkt, was die Interaktion mit Schülern und Schülerinnen betreffe. Auch Frau Rathmann betont, dass man besonders in diesen Zeiten bemerke, wie wichtig und einzigartig der persönliche Kontakt zwischen Lehrern und Schülern sei: „Egal wie gut eine Lernplattform ist – Sie kann die unmittelbare Interaktion nicht ersetzen!“ „Es fühlt sich komisch an, nur gegen einen Bildschirm zu sprechen, anstatt in die Gesichter der Schüler zu sehen“ beschreibt auch Frau Goebes die neue Veränderung ihres Unterrichts und schließt sich ihren Kolleginnen an. „Es ist wirklich eine ungewohnte Situation und ein komisches Gefühl!“

Besonders angesichts der ungewöhnlichen Situation und der bisher unbekannten Form des Online-Unterrichts finden es die meisten Lehrer bemerkenswert, wie organsiert, selbständig, flexibel und offen die meisten Schüler dennoch hiermit umgehen. Herr Rauser ist zudem von der Anstrengung der Eltern und Schüler begeistert: „Bislang erlebe ich sehr offene Eltern, Kinder und Lehrkräfte, die alle an einem Strang ziehen. Das gefällt mir sehr gut!“ Dennoch erkennen einige Lehrkräfte, dass gerade schüchterne und „stille“ Schüler besonders während des Homeschoolings noch zurückhaltender sind. Daher würde Frau Ehrlich es begrüßen, wenn Schüler bei Problemen, Schwierigkeiten und Unklarheiten häufiger nachfragen. Ansonsten wünschen sich einige Lehrer etwas mehr Zeit, um gerade stattfindende Umbrüche und Veränderungen genauer zu diskutieren und abzuwägen. Herr Rauser fühlt sich derzeit ziemlich unter Druck gesetzt: „Mir fehlt leider aktuell die Zeit, um mich mit aktuellen Änderungen und kontroversen Meinungen genauer auseinander zu setzen, da der Druck schon ordentlich ist!“ Grundsätzlich wünschen sich jedoch alle Lehrkräfte vor allem, zeitnah wieder zur Normalität zurückkehren und in den gewohnten Rhythmus einsteigen zu können. So geben die Lehrkräfte des OHGs auch auf der Homepage der Schule an, trotz der Freude über die neuen Möglichkeiten der Lernplattform, primär zu hoffen, alle Schüler bald wieder in realen, statt virtuellen Klassenzimmern zu unterrichten.

Abschließend betont Herr Rauser, dass Moodle - wie jede Plattform und jedes Tool zum Homeschooling - in einer kontinuierlichen Weiterentwicklung sei. Wie sich diese Plattform in der nächsten Zeit weiterentwickle, sei daher noch nicht abzusehen. Erstrebenswert sei es, irgendwann einen eigenen Server nutzen zu können, um die Plattform eigenständig zu betreiben. Natürlich arbeite man zudem daran, alle auftretenden Probleme so schnell wie möglich zu lösen und technische Schwierigkeiten zu beheben. Wie Frau Ehrlich sind auch andere Lehrkräfte des OHGs der Auffassung, dass Moodle eine umfangreiche Lernplattform sei, die zahlreiche neue Möglichkeiten bereitstelle und immer wieder neue hilfreiche Tools anbiete. Zudem ist Frau Ehrlich der Überzeugung, dass in Moodle noch mehr stecke, als sie bisher herausgefunden habe - die Entdeckungsreise gehe immer weiter! Passend hierzu erachte sie das folgende Zitat von Oprah Winfrey: „Challenges are gifts that force us to search for a new centre of gravity. Don´t fight them. Just find a different way to stand.” Die Zukunft ist noch in jeglicher Hinsicht ungewiss. Ab wann das Schulhaus wieder von mehreren Hundert Gymnasiasten gefüllt sein wird und das Schulleben wieder zur Normalität zurückkehren kann, ist schließlich weiterhin ungeklärt. Da also weiterhin noch nicht abzusehen sei, bis wann wieder vollständig auf Präsensunterricht umgestellt werden könne, sei weiterhin das Engagement aller am Schulleben Beteiligter gefragt, betont Herr Rauser zum Schluss.

Das Motto des Otto-Hahn-Gymnasiums „Gemeinschaft ist unsere Stärke“ scheint daher noch nie treffender gewesen zu sein – denn insbesondere in dieser neuen und ungewohnten Situation werden alle am Schulleben Beteiligten ihr Bestes geben, um diese Krise gemeinsam zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen!

Simone Wölfle (10 a)

 

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