Geschichte sebastian

„96-jährige Angeklagte flieht, um nicht vor Gericht erscheinen zu müssen“. Was sich liest wie die Phantasiegeschichte eines Unterstufenschülers, stand so oder so ähnlich Anfang Oktober in vielen Zeitungen in Deutschland und der Welt. Bei der Angeklagten handelt es sich um eine Frau, die am Ende des Zweiten Weltkriegs als Sekretärin im KZ Stutthof bei Danzig gearbeitet haben soll. Aus dieser Information ergeben sich einige Fragen: Warum macht man einer so alten Frau noch den Prozess? Aber auch: Warum klagt man sie erst heute an, 76 Jahre nach Kriegsende? Um Antworten auf diese und weitere Fragen zu bekommen, hat der Leistungskurs im Fach Geschichte der Jahrgangsstufe 2 Anfang November eine Exkursion nach Ludwigsburg unternommen. Dort befindet sich seit 1958 die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ – eine Vorermittlungsbehörde, die bei Vorliegen eines Anfangsverdachts gegen Verdächtige ermittelt. Im Fall eines erhärteten Verdachts kommt es im Anschluss zum Prozess. Für die Zwölftklässler hat sich der Besuch der „Zentralen Stelle“ am Ende ihrer Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus gelohnt: Im Gespräch mit Bernd Kreß, dem für das didaktische Angebot zuständigen Mitarbeiter der Zentralen Stelle, wurden viele Fragen geklärt. Besonders aufschlussreich war, dass es einen Unterschied zwischen Mord und Totschlag gibt – Mord ist grausam, heimtückisch und aus niederen Beweggründen erfolgt; und dass es in den vielen Jahrzehnten seit 1958 unterschiedliche Auffassungen gegeben hat, in welchen Fällen eine Strafe zu verhängen ist. 1979 wurde vom Deutschen Bundestag beschlossen, dass Mord nicht verjährt, und erst seit 2010 mit dem Prozess gegen den Wachmann im KZ Sobibor John Demjanjuk herrscht die Ansicht vor, dass jeder Mitarbeiter in einem KZ einen Beitrag zu dessen reibungslosen Ablauf geleistet hat. Die große Schwierigkeit besteht also darin, dem Angeklagten Mord nachzuweisen. Nach der Einweisung durften die Schüler selbst die Ermittlungsarbeit vornehmen: Am Beispiel des Falles von Wilhelm Boger, der im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1964/65 angeklagt war, spielten die Schüler das Verfahren gegen diesen Angeklagten nach. Dabei kam es mitnichten auf schauspielerisches Talent an, sondern auf den juristisch korrekten Weg, den der Rechtsstaat hier vorsieht: So untersuchten die Schüler in Gruppen, was dem Angeklagten zur Last gelegt wurde und welche Persönlichkeit und welche möglichen Motive er hatte, seine Taten zu begehen. Stimmen von Zeugen wurden ausgewertet, ebenso wie Bogers eigene Stellungnahme zu den ihm zur Last gelegten Vorwürfen. Ehe das Urteil gesprochen wurde, musste schließlich abgewogen werden, inwiefern die Aussagen glaubwürdig waren. Das Ergebnis war, dass die vorgebrachten Vorwürfe gegen Boger, der als Leiter der politischen Abteilung im KZ Auschwitz-Birkenau das Folterinstrument „Boger-Schaukel“ erfunden hatte, glaubwürdig waren: Sowohl die Zeugenaussagen als auch die Persönlichkeit des langjährigen und überzeugten Nationalsozialisten (NSDAP- und SS-Mitglied) führten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die einzelnen Schritte des Prozesses nachzuvollziehen war ein großer Gewinn für die Schüler, die sich dafür lange Zeit nahmen und ihre Ergebnisse ausführlich präsentierten und diskutierten.

Im Vergleich zu Boger darf die derzeit angeklagte ehemalige Sekretärin im KZ Stutthof sicher nicht mit derselben Strafe rechnen. Warum aber anklagen? Die Exkursion nach Ludwigsburg war ein Lehrstück darin, dass der Rechtsstaat unbedingt zu respektieren ist, weil man sich vor allem mit dessen Errungenschaften von einer Diktatur der Willkür und Rechtlosigkeit abgrenzen kann. Insofern ist es zu akzeptieren, wenn das Gericht einen Prozess anstrengt – noch heute, 76 Jahre nach Kriegsende.

Sebastian Barth